Der Papst, das Kondom und was von der neuerlichen Aufregung zu halten ist

von DI Dr. Josef Bordat 
22. November 2010  (auszugsweise)
 
Mancher Katholik staunte, als sich am Wochenende die Medien mit Sensationsmeldungen überschlugen, aufgrund einer Einlassung Papst Benedikts in einem (bislang unveröffentlichten) Interview, in Einzelfällen – der Papst nennt offenbar beispielhaft „männliche Prostituierte“ – könne der Gebrauch von Kondomen zum Schutz vor einer HIV-Infektion „ein erster Schritt sein auf dem Weg hin zu einer anders gelebten, menschlicheren Sexualität“.
Nun sind Interviews nicht der Ort, an dem katholische Lehrmeinungen verkündet werden, schon gar keine „Wenden“ und „Neupositionierungen“. Doch mal ganz abgesehen davon, dass Status der Aussagen und die mediale Aufnahme und Verbreitung qualitativ und quantitativ in keinem guten Verhältnis stehen und einige den Unterschied zwischen „aus dem Nähkästchen“ und „ex cathedra“ systematisch unterschätzen, ist die Einlassung selbst es durchaus wert, einmal genauer untersucht zu werden.  

Allgemeines. Biblische und moraltheologische Hintergründe

Die Aussage Papst Benedikts XVI. ist weder „historisch“ noch „sensationell“. Der in ihr angesprochene Gegenstand ist nicht „neu“.

I. Die Sache selbst (der spezielle Fall „Erlaubnis des Kondomgebrauchs zum Schutz vor AIDS“) ist nicht neu, sondern wird seit mindestens vier Jahren sehr wohlwollend diskutiert. 2006 erschien ein entsprechendes Vatikan-Gutachten. Ich komme unten auf dessen Rezeption zurück.

II. Die Aussage ist nicht „sensationell“. Sie entspricht vielmehr dem biblischen Grundsatz, Normen in einer bestimmten Weise auszulegen, die Christus uns vorgestellt und vorgelebt hat: in Liebe. Das bedeutet: in Gnade und Barmherzigkeit. Gnade und Barmherzigkeit richten sich immer auf den Einzelfall. Die Norm selbst bleibt davon unberührt. ...

Eine besondere Zuspitzung im Streit der beiden Auslegungsschulen findet sich im Johannes-Evangelium, in der Begegnung Jesu mit der Ehebrecherin (Joh 8, 1-11). Man muss dazu wissen, dass es Jesus mit dem Verbot des Ehebruchs sehr ernst ist. Es ist auch in Seinen Augen keineswegs eine Bagatelle, die schon wegen Geringfügigkeit straffrei bleiben muss. Vielmehr verschärft Er in gewisser Weise das Gesetz des Mose an diesem Punkt: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.“ (Mt 5, 27-28). ...
Im Ergebnis steht: Das Gesetz bleibt – Ehebruch bleibt Ehebruch –, aber es siegt die Barmherzigkeit. Die Ehebrecherin wird als Sünderin nicht verurteilt (Joh 8, 11), wohl aber der Ehebruch als Sünde. So deutet Christus nach dem Gnadenerweis wieder zurück auf das Vergehen: „Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ (Joh 8, 11). Damit bestärkt er das Gesetz, das jene Sünde verhindern soll. Die Ehebrecherin erhält ihre Bewährungschance – nicht gegen das Gesetz, sondern mit dem Gesetz. Das Gesetz bleibt (Mt 5, 17), aber es wird um den Aspekt der Gerechtigkeit (Mt 5, 20),vor allem aber um den Aspekt der Liebe erweitert, die sich in der tätigen Barmherzigkeit Jesu gegenüber der Ehebrecherin zeigt. ...

Noch einmal: Es geht um die Zielsetzung – Verhütung der Empfängnis oder Schutz vor Ansteckung. Als Mittel zum Zweck der Empfängnisverhütung ist das Kondom nach wie vor im Rahmen der katholischen Moraltheologie kein Thema. Es geht einzig um den Schutz vor HIV/AIDS. Denn ein Kondomgebrauch, der willentlich und absichtlich zur Verhütung erfolgt, widerspricht dem Wesen der menschlichen Sexualität, die gefühlte Freude, gepflegte Beziehungsvertiefung und die Offenheit für Fortpflanzung gleichermaßen beinhaltet. Mit Thomas gesprochen: Sex besteht objektiv aus Lust, Liebe und Leben, und Sexualität hat Lust, Liebe und Leben wesentlich zum Inhalt und willentlich zum Ziel. ...

Zusammengefasst: Betrachtet man das Verhältnis von Gesetz und Gnade und den Grundsatz, dass Barmherzigkeit die Gerechtigkeit Gottes ist (biblische Grundlagen) und beachtet man zudem das Verhältnis von Objekt und Umstand, von Zweck, Mittel und Nebenwirkung im Anschluss an Thomas von Aquin (moraltheologische Grundlagen), kennt man zudem die Diskussion im Vatikan, wie sie seit Benedikts Wahl im April 2005 in Gang ist und sich in dem Gutachten von 2006 sowie zahlreichen Stellungnahmen (Rhonheimer, Schockenhoff, Zollitsch) ausdrückt, dann hätte man auch ohne die neuerliche Einlassung des Heiligen Vaters darauf kommen können, dass er und mit ihm die Kirche der Ansicht ist, in Einzelfällen könne der Gebrauch von Kondomen zum Schutz vor einer HIV-Infektion „ein erster Schritt sein auf dem Weg hin zu einer anders gelebten, menschlicheren Sexualität“ sein.      

II. Spezielles. Kondome und AIDS           

Wenn auch im Einzelfall ein Kondom verwendet werden darf, so ist und bleibt doch die Einsicht, dass das Kondom das AIDS-Problem nicht löst. Deshalb ist eine Normativität, die allein oder größtenteils auf das technische Mittel „Kondom“ setzt (also willentlich und absichtsvoll), der falsche Weg. Diese Auffassung hat sich durch die Bemerkung des Papstes nicht geändert. Es gilt nach wie vor die Aussage Benedikts, dass nicht Kondome die erste Wahl bei der AIDS-Bekämpfung sind, insbesondere wenn es um die Verhinderung von Neuinfektionen geht, sondern Keuschheit und Treue. Diese hochvernünftige menschenfreundliche Auffassung ist dabei nur dann ein medienträchtiger Skandal, wenn der Papst sie vertritt.  

Das bischöfliche Hilfswerk Misereor etwa teilt den Standpunkt des Papstes: „Viele Menschen in Europa verbinden mit dem Schutz vor AIDS vorschnell Kondomkampagnen. Wer aber meint, unter den Lebensbedingungen der Armutsregionen wären sie das Mittel in der AIDS-Bekämpfung, greift viel zu kurz. Die Erfahrungen unserer Partner in Afrika, Asien und Lateinamerika und die Erfolge der gemeinsamen Projekte zeigen uns, dass ein wirksamer Schutz vor AIDS anders, das heißt ganzheitlich, ansetzen muss“. Das UN-Hilfswerk UNESCO und die Weltgesundheitsorganisation WHO propagieren den so genannten „ABC-Ansatz“, bei dem A (=abstinence; Enthaltsamkeit) und B (=behavior; Verhalten, also Treue; einige setzen für B „be faithful“) für vorrangig gegenüber C (=condoms; Kondome) erachtet werden. Die größten Erfolge erreicht man mit A, dann mit B und erst dann – als ultima ratio, in Einzelfällen, mit der oben skizzierten Argumentation – mit C. Und vor einigen Monaten haben führende AIDS-Forscher im Kampf gegen die Krankheit zur zeitlich befristeten sexuellen Abstinenz aufgerufen, weil sie, wie „Die Welt“ im Juni 2010 schrieb, meinten, „dass eine sexfreie Zeit die Zahl der Neuinfektionen grundlegend verringern könnte“, denn die Wissenschaftler hatten „herausgefunden, dass ein neu infizierter Aids-Kranker die Krankheit meist innerhalb eines Monats nach der Ansteckung überträgt“. Ergo: „Eine Abstinenz könnte die Quote der Neuinfektionen um 45 Prozent senken.“

Einen eindrucksvollen Beleg für die These, dass es bei der AIDS-Bekämpfung vor allem auf A und B ankommt, liefert Uganda. Das Land hatte in den 1980er Jahren vergeblich versucht, das AIDS-Problem „technisch“, also mit der forcierten Abgabe von Kondomen zu lösen, gesponsert durch europäische Entwicklungsorganisationen, für die C das „A und O“ der AIDS-Bekämpfung darstellt. Erst durch eine von der katholischen Kirche sowie anderen religiösen Gemeinschaften unterstützte Kampagne für eine Veränderung des Sexualverhaltens, mit der darauf hingewirkt wurde, dass der erste Geschlechtsverkehr später stattfindet und Sex außerhalb einer festen Beziehung seltener geschieht, konnten in den 1990er Jahren die unverbindlichen Sexualkontakte um 60 Prozent und die AIDS-Quote um 70 Prozent gesenkt werden, wie sie Zeitschrift „Science“ 2009 schrieb. Andere Länder der Region, die nur auf Kondome gesetzt hatten, konnten, so „Science“, keinerlei Erfolg verbuchen. In einem aktuellen Forschungsbericht von Marcella M. Alsan und David M. Cutler („The ABCDs of Health: Explaining the Reduction in AIDS in Uganda“, Juli 2010)  wird diese Tendenz bestätigt. Aus dem Abstract des Papers geht hervor, dass vor allem A und B den Erfolg brachten („Among young women, who experienced the greatest decline in HIV prevalence, the most important component was delaying sexual debut, accounting for 57 percent of the drop in HIV prevalence.“) und C nur einen etwa halb so großen Effekt in einer viel kleineren Bevölkerungsgruppe bewirkte („Condom use by high risk males also played a significant role, accounting for 30 percent.“). „High risk males“ – jene Gruppe also, an die Benedikt mit der beispielhaften Nennung „männlicher Prostituierter“ dachte. – Heute hat Uganda übrigens mit 4 Prozent eine der niedrigsten AIDS-Raten des afrikanischen Kontinents.

Grundsätzlich scheint die Tatsache, dass die Zahl der Katholiken und die Zahl der AIDS-Kranken in Afrika negativ korreliert, weitgehend unbekannt zu sein. Folgt man den Statistiken der Zeitschriften „Komma“ und „ideaSpektrum“, so erkennt man: In den Ländern, in denen der Katholikenanteil bei unter 5 Prozent liegt, liegt der Anteil der HIV-Infizierten bei über 30 Prozent (Swaziland: 43 Prozent Infizierte, 5 Prozent Katholiken, Botswana: 37 Prozent, 4 Prozent), in den Ländern, in denen der Katholikenanteil bei unter 10 Prozent liegt, liegt der Anteil der HIV-Infizierten bei über 20 Prozent (Simbabwe: 25 Prozent Infizierte, 8 Prozent Katholiken, Südafrika: 22 Prozent, 6 Prozent). Dort hingegen, wo der Katholikenanteil bei über 10 Prozent liegt, liegt der Anteil der HIV-Infizierten bei unter 20 Prozent (Sambia: 17 Prozent Infizierte, 26 Prozent Katholiken, Malawi: 14 Prozent, 19 Prozent). Und dort schließlich, wo der Katholikenanteil bei über 30 Prozent liegt, liegt der Anteil der HIV-Infizierten bei unter 5 Prozent (Ruanda: 5 Prozent Infizierte, 47 Prozent Katholiken, Uganda: 4 Prozent, 36 Prozent). Die Daten legen den Schluss nahe: Je mehr Katholiken, desto weniger AIDS. Auch wenn solche Fakten die eigene Meinung so sehr stören, dass man sie am liebsten vernachlässigte, ganz wegwischen sollte man sie nicht.

Der Papst warnt eindringlich davor, das ABC aus Gründen der Leichtfertigkeit und in einer hedonistischen Lebensweise, die weder Rücksicht auf andere noch auf sich selbst nimmt, auf den Kopf zu stellen: erst C, dann B und dann – wenn überhaupt – A. Die katholische Kirche erinnert an die Bedeutung von A und B, während viele nur auf C setzen, obwohl nachweislich die größten Erfolge mit A, dann mit B und schließlich mit C erzielt werden können. Das C als „Allheilmittel“ führt in der Tat eher zu einer Verschlimmerung des Problems, wie der Papst auf seiner Afrika-Reise 2009 zu bedenken gab. Auch dafür gibt es einen traurigen Beleg: die Stadt Washington DC. Im „Schwarzwälder Boten“ war unter der Überschrift „Die Hauptstadt des AIDS“ im März 2009 zu lesen, dass 3 Prozent der Bevölkerung Washingtons mit dem HI-Virus infiziert sein soll. „Die tatsächliche Zahl liegt noch deutlich höher“, wird Bürgermeister Adrian Fenty zitiert, und die AIDS-Beauftragte der Stadt, Shannon Hader, meint: „Unsere Ansteckungsrate ist schlimmer als die in Westafrika.“ Tatsächlich: Um 22 Prozent ist die Zahl der Infizierten seit 2007 gestiegen. Man stehe vor einem Rätsel wie dies trotz der kostenlosen Abgabe von Kondomen geschehen konnte. Vielleicht sollte man der Stadtverwaltung von Washington DC die Telefonnummer des Bischofs von Uganda verraten. Der Grund für eine solche Überlegenheit von A und B gegenüber C ist im übrigen sehr einfach: das verbleibende Risiko, das bei A und B 0 Prozent, bei C aber etwa 10 Prozent beträgt, folgt man „Making condoms work for HIV prevention“, einer Studie des Joint United Nations Programme on HIV/AIDS (UNAIDS) aus 2004, in der vier zwischen 1993 und 2002 durchgeführte wissenschaftliche Studien ausgewertet werden. Schaut man sich die Studien genauer an, merkt man schnell, dass UNAIDS sich an der optimistischsten orientiert. Im Einzelnen lauten die Ergebnisse: Senkung um 69 Prozent, 80 Prozent, 87 Prozent bzw. 93 Prozent. Das macht im Durchschnitt 82,25 Prozent. Die jüngste Studie aus dem Jahr 2002 von Weller und Davis ermittelt eine Senkung von 80 Prozent, was einem Restrisiko von 20 Prozent entspricht. Das impliziert den Unterschied zwischen „safe“ und „safer“. Man muss kein Stochastiker sein, um angesichts dieser Daten den Kondom-Werbeslogan „Gib AIDS keine Chance“ (Hervorhebung J.B.) für problematisch zu halten, suggeriert er doch 100-Prozent-Sicherheit und 0-Prozent-Risiko. Kondome verschlimmern mithin nicht insoweit das Problem, als ihre Anwendung das Risiko einer HIV-Infektion gegenüber der Nichtanwendung erhöhte (wahr ist im Gegenteil, dass sie es sehr stark verringert), sondern insoweit, als man meinen könnte, sie verringere es auf 0 Prozent. Damit stellt sich das Gefühl einer Sicherheit ein, die nicht da ist. Das ist das Problem.

Die Lösung liegt in der Tat vielmehr in einem „spirituellen und menschlichen Erwachen“ und der „Freundschaft für die Leidenden“, von der Benedikt spricht. Die Freundschaft besteht in der tätigen Nächstenliebe (jeder vierte afrikanische AIDS-Kranke wird in katholischen Einrichtungen versorgt), das Erwachen in der Besinnung auf Enthaltsamkeit und Treue. Das ist nicht leicht, aber möglich. Der Sexualtrieb liegt zwar in der Natur des Menschen, doch diese Natur ist nicht nur biologischer Art, sondern kennt die Vernunft und den Willen als wirksame Regulative. Genau das meint Thomas von Aquin mit natura humana, genau darauf spielt Papst Benedikt XVI. an, wenn er von „Humanisierung der Sexualität“ spricht.

Die katholische Morallehre zeigt sich auch am 20. November 2010 stabil und von einer über die Jahrhunderte geprägten theologischen Tradition bestimmt, in deren Bahnen sie sich konsistent und stringent weiterentwickelt. So wie seit 2000 Jahren. Kein Grund zur Aufregung!

(Josef Bordat)     


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