Chlamydia-Trachomatis-Screening:

Dtsch Arztebl 2011; 108(6): A-262 / B-208 / C-208

Gille, Gisela; Meyer, Thomas; Mylonas, Ioannis; Straube, Eberhard

Dringend notwendig erscheinen die Überarbeitung der Empfehlungen zum Screening sowie eine faire und angemessene Ausstattung dieser Regelleistung.

Die Infektion mit Chlamydia trachomatis ist nach Schätzung des Robert-Koch-Instituts (Berlin) mit 300 000 Neuerkrankungen pro Jahr die häufigste sexuell übertragbare Krankheit in Deutschland. Da Infektionen mit Chlamydia trachomatis in Deutschland seit 2001 nicht mehr meldepflichtig sind, gibt es gegenwärtig keine belastbaren Daten. Nichtrepräsentative Prävalenzbeobachtungen berichten von Infektionsanteilen von sechs Prozent (1) oder von zehn Prozent bei 17-jährigen Mädchen (2). Ein evidenzgestützter Kausalzusammenhang von unbehandelten symptomatischen als auch symptomfreien Chlamydien-infektionen des Urogenitaltrakts mit schwerwiegenden gesundheitlichen und reproduktionsmedizinischen Problemen bis hin zur Infertilität ist eindeutig. Schätzungen zufolge sind in Deutschland etwa 100 000 junge Frauen aufgrund einer Infektion durch Chlamydia trachomatis unfreiwillig steril. Eine frühzeitige Diagnose ist möglich und eine kostengünstige wirksame Behandlung einfach (3).

Nach dreijähriger Laufzeit kann die Umsetzung des Screeningangebots auf Chlamydien aber keineswegs als gelungen bezeichnet werden. Damit läuft auch die dringend notwendige intensive Aufklärungsarbeit bei jährlich 120 000 jungen Mädchen in Schulen durch die Ärztinnen der Ärztlichen Gesellschaft zur Gesundheitsförderung der Frau e.V. (4) ins Leere; die Mädchen treffen in den Praxen mit ihrem Wunsch nach einem Chlamydienscreening auf Zurückhaltung statt auf Motivation. So wird aber das ausdrückliche Credo der Verantwortlichen im Gesundheitssystem nach mehr Prävention in den Arztpraxen durch die Art und Weise der Umsetzung konsequent konterkariert. Und es wird bereits öffentlich die Frage diskutiert, ob das Chlamydienscreening lediglich eine PR-Maßnahme gewesen sei, deren Inanspruchnahme in Wirklichkeit nie gewünscht war.

Die Anstrengungen zur Information über Infektionen durch Chlamydia trachomatis müssen intensiviert werden. Dazu gehört vor allem, dem Stigma, an einer sexuell übertragbaren Infektion erkrankt zu sein, entgegenzuwirken. Informationen müssen in unterschiedlichen Zielgruppen (Jugendliche, Öffentlichkeit, Gesundheitswesen) mit unterschiedlichen Mitteln kommuniziert werden.

Öffentliche Kampagnen zur sexuellen Gesundheit und zur Motivation zum Kondomgebrauch sollten Chlamydien generell in ihren Themenkatalog mit aufnehmen. Dass die Umsetzung von Wissen in Motivation zur Verhaltensänderung bei sexuellen Kontakten nicht für alle Menschen gleichermaßen erfolgreich ist, ist unbestritten. Dennoch verhindert fehlendes Wissen in der Bevölkerung jegliche Chance zu Verhaltensänderungen sowie die Inanspruchnahme des Screening-angebots.

Jugendliche werden heute früh körperlich reif (Akzeleration), viele Jugendliche nehmen früh sexuelle Beziehungen auf (9). Von der Existenz anderer sexuell übertragbarer Erkrankungen als Aids ist Jugendlichen in der Regel nichts bekannt. In einer Interventionsstudie bei jungen, überwiegend asymptomatischen Mädchen in Berlin konnte bei zehn Prozent der 17-jährigen eine frische Chlamydieninfektion nachgewiesen werden, und das nach durchschnittlich 19 Monaten Sexualverkehr. Mehr als 90 Prozent der 1 030 befragten Mädchen in den Schulklassen 9 und 10 wussten nicht, dass Chlamydia trachomatis durch Sexualkontakt übertragen wird, weit verbreitet ist und potenziell zur Sterilität führt. Beim ersten Mal benutzte zwar ein hoher Prozentsatz der Jugendlichen Kondome, aber in dem Maß, wie die Mädchen auf die Pille umstiegen, verzichteten die Jungen wieder auf den Kondomgebrauch (2).

Jugendliche sind über Broschüren oder Beratungsangebote mit Komm-Struktur nur in Einzelfällen zu erreichen. Personalkommunikative Angebote über Lehrer und externe ärztliche Fachkompetenz in Schulen sind zu präferieren. Dass sich auf diesem Weg prinzipiell ein erheblicher und anhaltender Wissenszugewinn erreichen lässt, konnte für Chlamydien nachgewiesen werden (10). Auch jugendspezifische Aufklärungskampagnen, wie es sie in anderen Ländern gab, zum Beispiel in den Niederlanden (1996 Chlamydia Year), oder populäre TV-Sendungen, wie in den USA (Sex and the City, Folge 36/2000), sind sehr gut geeignet, die Aufmerksamkeit der Jugendlichen zu erreichen. Screening ohne eine ausführliche Beratung ergibt keinen Lerneffekt, vor allem bei negativem Testausgang. Für diese anspruchsvolle Beratung, ohne die das Screening seinen präventiven Charakter einbüßt, muss deshalb zwingend eine Gebührenziffer im Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) eingerichtet werden.

Dass eine gesamtgesellschaftlich relevante Präventionsmaßnahme zu wirtschaftlichen Lasten einer einzigen Berufsgruppe eingeführt werden soll, kann nicht hingenommen werden. Andere Vorsorgeuntersuchungen (zum Beispiel Papanicolaou-Abstrich, Mammographiescreening, Koloskopie) sind nicht zuletzt auch deshalb erfolgreich, weil sie finanziell angemessen vergütet werden. Die Vergütung des Laboraufwands fällt so niedrig aus, dass die Laboratorien gerade in Gebieten mit höherer Prävalenz von Infektionen durch Chlamydia trachomatis mit den finanziellen Möglichkeiten nicht zurechtkommen, weil die realen Material-, Personal- und Overheadkosten nicht abgedeckt werden können.

Alle Menschen in Deutschland haben ein Anrecht auf umfassende Informationen zum Erhalt ihrer sexuellen und generativen Gesundheit. Wenn in den letzten Jahren der Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit auf eine einzige sexuell übertragbare Krankheit (Aids) gelenkt wurde, dann ist das kontraproduktiv und unzulässig – sowohl bei der Einschätzung der eigenen Gefährdung als auch für die Motivation zum Kondomgebrauch. Die Gesundheitspolitik ist dringend aufgefordert, die primäre und sekundäre Prävention der Infektionen mit Chlamydia trachomatis über Aufklärung und Screeningangebote für alle Zielgruppen umzusetzen und die dafür notwendigen Rahmenbedingungen für die mit der Durchführung betrauten Berufsgruppen seitens der Kostenträger akzeptabel zu gestalten.

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